Kirche an der Seite der Arbeitnehmer

Die Betriebsseelsorge des Bistums ist gefragte Gesprächspartnerin

Betriebsseelsorge (c) Kathrin Albrecht
Betriebsseelsorge
Datum:
Di. 5. Apr. 2016
Von:
Kathrin Albrecht
Es war ein langes Ringen um eine Lösung – mehr als zwei Jahre kämpfte die Belegschaft des Aachener Schwertbads um bessere Löhne und Arbeitsbedingungen. Zwischenzeitlich stand die Zukunft der Einrichtung auf dem Spiel.

Das vorläufige Ende der Situation: Die katholische Marienbad-Holding verkaufte das Bad an einen privaten Investor, die Jobs scheinen vorerst sicher.

Ursula Rohrer erinnert sich gut. Für die Gemeindereferentin der Gemeinde St. Josef und Fronleichnam Aachen-Ost war es die erste große Aufgabe als Betriebsseelsorgerin in der Aachener Region. Jeden Tag hielt die Belegschaft an der „grünen Bank“ Mahnwachen ab, ließ Luftballons in den Himmel steigen oder entzündete eine Kerze der Hoffnung. „Das habe ich ein Jahr lang mitbegleitet“, erinnert sich Rohrer. Die Arbeit als Betriebsseelsorgerin passe sehr gut zur karitativen Aufgabe in der Gemeinde, meint sie: „Ich habe mein Büro an St. Fronleichnam. Hier ist ein altes Arbeiterviertel. Man bewahrt sich den Blick für die Arbeitnehmer, aber auch für die Menschen am Rande, für die Arbeitslosen und -suchenden.“ Das Viertel ist inzwischen bunter geworden. Neben den Ur-Öchern leben viele Menschen mit Migrationshintergrund im Ostviertel.

Doch Ursula Rohrer ist selten im Büro: „Betriebsseelsorge ist eine aufsuchende Seelsorge. Sie will signalisieren, Gott ist bei den Menschen. Betriebsseelsorge will nicht evangelisieren, sondern begleiten. Das ist auch das, was Papst Franziskus uns mit auf den Weg gegeben hat.“ Die Netzwerkarbeit ist dabei besonders wichtig. Zu den Gewerkschaften pflegt Ursula Rohrer gute Kontakte, hospitierte auch bei der IG Metall: „Die Gewerkschaften sind der Türöffner zu den Betriebsräten und damit zu den Arbeitnehmern.“ Die Betriebe seien sehr blickdicht geworden, aus Datenschutzgründen und befürchteter Werkspionage. Das macht auch den Zugang für Ursula Rohrer nicht einfach.

Vor 35 Jahren, zu Beginn der 1980er Jahre, als auch in der Region Aachen das Wirtschaftswunder der 50er und 60er Jahre langsam verebbte und die Arbeitnehmer zum ersten Mal seit Langem wieder mit Zukunftsängsten und Sorgen um das tägliche Auskommen konfrontiert wurden, beschloss der damalige Bischof Klaus Hemmerle, nach Beratungen mit seinen Gremien, den pastoralen Schwerpunkt „Kirche und Arbeiterschaft“. Infolgedessen wurden die Stellen „Arbeiter- und Betriebspastoral“, für die späteren Betriebsseelsorgerinnen und -seelsorger eingerichtet. Bis heute, sagt Heinz Backes, im Bischöflichen Generalvikariat für den Bereich zuständig, wirke dieser Einbruch in der Arbeitswelt noch nach. Außerdem kämpft die Region noch immer mit dem Strukturwandel, die zunehmend prekären Arbeitsverhältnisse stellen Arbeitnehmer vor neue Herausforderungen.

 

Ein neues Gesicht von Kirche zeigen, gerade denen, die ihr fernstehen

Auch die Pastoral sucht nach neuen Wegen. „Die Menschen in der Arbeitswelt haben die Kirche weitgehend abgeschrieben und erwarten nichts mehr. Es geht darum, den Menschen die Möglichkeit zu geben, Kirche anders kennenzulernen, ihnen ein neues Gesicht zu zeigen“, sagt Backes. Ursula Rohrer tat das, indem sie gleich zu Beginn ihrer Tätigkeit die Marktbeschicker des Aachener Weihnachtsmarktes besuchte und sie zu ihrer Situation befragte, aber auch danach, was an Kirche und Katholizismus stört. „Da sind viele gute Gespräche zustande gekommen“, erinnert sie sich. Da ist sie auch ganz nah bei Jesus: „Ich sehe ihn gerne als den ersten Betriebsseelsorger. Er hat Menschen miteinander ins Gespräch gebracht. So sehe ich auch meinen Auftrag.“

Ursula Rohrer teilt sich die Aufgabe der Betriebsseelsorge mit zwei Kollegen, Johannes Eschweiler in der Region Heinsberg und Rainer Ostwald in Mönchengladbach. Die vierte Stelle in der Betriebsseelsorge ist vakant. Betriebsseelsorge, das ist vor allem noch eine Männerdomäne. Von den insgesamt 70 Betriebsseelsorgern bundesweit sind zehn weiblich. An den zum Teil rauen Umgangston hat sich Ursula Rohrer inzwischen gewöhnt. Mit ihrer Tätigkeit stößt sie nicht nur zeitlich an ihre Grenzen: Sie stellt klar, dass sie vor allem Ansprechpartnerin für die Sorgen der Menschen ist, ihnen zur Seite steht, um die Situation besser aushalten zu können. Da greifen dann oft die Angebote der verschiedenen Arbeitsloseninitiativen vor Ort, deren ehrenamtliche Mitarbeiter bei konkreten Problemen weiterhelfen.

Häufig wirkt sie im Spannungsfeld dessen, was sich Kirche und Gewerkschaft wünschen, und dem, was für die Menschen gut ist: „Im Fall der Sonntagsarbeit bin ich auf der einen Seite ganz bei der gewerkschaftlichen Forderung nach dem Schutz des Sonntages. Aber auf der anderen Seite bin ich auch bei der Bäckereiangestellten, die am Sonntag arbeitet, weil sie dann ein bisschen mehr Geld verdient als unter der Woche.“ Die Erfahrung, dass die meisten Arbeitnehmer mit Kirche nichts mehr am Hut haben, hat sie ebenfalls schon gemacht und auch mehrfach gehört. Aber ebenfalls die Erfahrung, dass das Signal „Wir stehen zu euch“ als sehr wichtig empfunden wird. Das spiegelt auch Ralf Wölk, DGB-Vorsitzender für die Region NRW Südwest, wider: „Mit Blick auf die Beschäftigten ist die Betriebsseelsorge eine wichtige Ergänzung des gewerkschaftlichen Netzwerkes und der betrieblichen Interessenvertretung, soweit letztere überhaupt vorhanden ist.“ Wichtig ist ihm auch die gute Kooperation von Gewerkschaft und Kirche bei der Mobbing-Kontaktstelle, die vor 15 Jahren im Bistum eingerichtet wurde.

 

Woche der Betriebsseelsorge

Mit einer Woche der Betriebsseelsorge möchte das Bistum Aachen in Kontakt mit den Menschen kommen. Vom 29. April bis zum 9. Mai macht ein Bus an verschiedenen Stationen Halt:

29. April, 14.40 – 17.30 Uhr: Zum Auftakt der Aktionswoche steht der Bus in Aachen am Holzgraben. Um 18 Uhr Lesung mit Undine Zimmer im Pfarrsaal der Gemeinde Franziska von Aachen.

1. Mai vormittags: DGB-Kundgebung in Aachen mit Ursula Rohrer, nachmittags in Hückelhoven mit Johannes Eschweiler und Sr. Svitlana Matsiuk.

2. Mai: Aktionstag in Aachen, unter anderem mit Besuch eines Berufskollegs und einer Waggonfabrik.

3. und 7. Mai: Aktionstag in Mönchengladbach mit Rainer Ostwald während der Marktzeit von 10 bis 12 Uhr am Kapuzinerplatz/Alter Markt, anschließend von 12 bis 16 Uhr in der Albertusstraße/Hindenburgstraße sowie auf dem Alten Markt vor dem Kaufhaus Sinn gegenüber der Citykirche. 4. Mai: Aktionstag in Heinsberg, Johannes Eschweiler und Sr. Svitlana Matsiuk besuchen unter anderem einen Betrieb und sind am Nachmittag in Heinsberg unterwegs. Um 19.30 Uhr liest Ingeborg Haffert in der Generationenkirche Unterbruch aus ihrem Buch „Eine Polin für Oma“.

5. Mai: 10.30 Uhr Gottesdienst in St. Fronleichnam Aachen, im Anschluss Radtour zu Orten von Erwerbsarbeit.

8. Mai: Aktionstag in Heinsberg zur Solidaritätkollekte und Feier des Jubiläums „10 Jahre Amos“

9. Mai: Abschluss der Aktionswoche in Mönchengladbach im Treff am Kapellchen (Tak) .